Korea: Verhandlungen statt Sanktionen – Kommentar von Roland Appel

Betrachtet man die Lage in Nord- und Südkorea genauer, wird deutlich, dass die moderne Mediendiskussion in diesem Fall zumeist oberflächlich, einseitig und Reflexhaft verläuft. Wir hören in der allgemeinen Empörung über den von “ein bisschen verrückt” bis “größenwahnsinnig” gezeichneten Diktator Kim Jong Un in der Regel wenig Fakten über die Geschichte und die Hintergründe des aktuellen Konflikts. Dies muss um so mehr verwundern, als gerade bei uns in Deutschland für das Schicksal des geteilten Korea ein mitfühlendes Interesse unterstellt werden kann. Wie wir heute wissen, hätte ein Atomkrieg im geteilten Deutschland unser Land verwüstet und ganz Europa in eine strahlende Hölle verwandelt. Nichts anderes gilt für Korea. Um so verwunderlicher, dass seitens der Bundesregierung offenbar wenig Interesse daran besteht, die neue, liberale Regierung Süd-Koreas zu unterstützen, die sich wohltuend von ihren autoritären Vorgängerinnen unterscheidet.

Wer wie wie Donald Trump mit dem Säbel rasselt und glaubt, ein immer weiteres Drehen an der Eskalationsschraube würde zu einem Einlenken Nordkoreas führen, der lügt sich selbst in die Tasche. Es ist vielmehr zu befürchten, dass ein weiteres gegenseitiges Aufschaukeln in der Frage Atomrüstung früher oder später katastrophale Folgen haben könnte – nicht nur für Nordkorea, sondern auch für Südkorea, China und Japan. Ein unberechenbarer US-Präsident wird von sich aus wohl kaum einlenken, zumal er mit einem scheinbar weit entfernten Konflikt glaubt, von seinen innenpolitichen Desastern ablenken zu können. Um so mehr gilt für die EU und für die Bundesregierung, jetzt und gleich auf Verhandlungslösungen zu drängen, anstatt sich vorschnell und unkritisch den Forderungen nach verschärften Sanktionen anzuschließen. Das Atomabkommen mit dem Iran könnte Pate für eine Lösung des Konfliktes in Korea stehen und die Schweiz, in der Kim seine Schulzeit verbracht hat und zu der diplomatische Verbindungen bestehen, wäre ein wichtiger Partner, um die ersten Schritte in Richtung auf Verhandlungen zu vermitteln.

Auch ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat könnte mit einer besonnenen Haltung zum Koreakonflikt mehr punkten, als mit seinen unreflektierten Verschärfungen der Konfliktspirale mit dem Möchtegern-Diktator der Türkei.

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