Den IS nicht unnötig aufwerten

von Roland Appel

Der Massenmord von Nizza ist noch nicht wirklich aufgeklärt. Für die Öffentlichkeit und uns alle sollte vor allem das Mitgefühl für die Opfer im Vordergrund stehen. Sorgfalt der Ermittlungen ist auch bei einer solchen unmenschlichen Tat angebracht – in alle Richtungen. Die Behörden und vor allem die Medien rätseln derzeit noch über die Motive des Täters, der natürlich auch ein völlig unpolitischer Amokläufer sein kann. Er hatte drei Kinder, war kürzlich von seiner Frau getrennt und offensichtlich in einer schwierigen Situation. Seine Familie sagt, er hätte psychische Probleme gehabt, sei nicht religiös, trank Alkohol und aß Schweinefleisch. Natürlich können das Schutzbehauptungen oder überholte Fakten sein. Trotzdem sollten Besonnenheit und Augenmaß die öffentliche Diskussion bestimmen und nicht Hysterie und Terrorangst.

Erst zwei Tage nach der Tat hat der IS in einer Erklärung behauptet, dass es sich um einen islamistischen Anschlag gehandelt habe – das ist ungewöhnlich spät. Die Masche ist nicht neu. Der IS steht in Syrien militärisch mit dem Rücken zur Wand und braucht dringend ideologische und kriegerische “Erfolge”, um seine Anhänger bei der Stange zu halten. Die schnelle Bestätigung des französischen Innenministers, es handle es sich um einen IS-Anschlag sind deshalb gefährlich, kontraproduktiv und möglicherweise sogar im Interesse des IS, dessen Bedeutung schwindet.

Die erste Frage die sich jetzt stellt ist doch, wie der Täter mit seinem Lastwagen bei geltendem Ausnahmezustand überhaupt in die Nähe einer solchen Menschenmenge kommen konnte. Vielleicht möchte der Innenminister durch seine unbedachten Äußerungen auch von Sicherheitsmängeln in Nizza ablenken?

Heute sind vier Personen aus dem persönlichen Umfeld des Täters festgenommen worden und werden verhört. Nichts spricht dagegen, die Ergebnisse dieser Verhöre und der Ermittlungen insgesamt abzuwarten. Alles andere betreibt das Geschäft des IS, der alle Mittel der Propaganda einsetzt, um sich als “Kriegspartei” des Westens aufzuplustern. Wer darauf eingeht, fällt auf die Strategie des IS herein, alle möglichen Taten von Einzeltätern seinem Terror zuzurechnen. Das kann nur noch mehr Verwirrte und Orientierungslose in die Arme der Terroristen treiben und das genau sollte vermieden werden.

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