Minister Remmel zieht Bilanz: Die Belastung der Städte mit Stickstoffdioxid ist weiterhin großes Problem

Düsseldorf (EB) – Die Luft in Nordrhein-Westfalens Städten ist im vorherigen Jahr kaum besser geworden. Das zeigen die Ergebnisse der Messungen zur Luftqualität 2015, die das NRW-Umweltministerium und das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) heute vorgestellt haben. Die Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid ist weiterhin zu hoch, erklärte das Ministerium in einer Pressemitteilung. An 56 von 128 Messpunkten lagen die Stickstoffdioxid-Werte teilweise deutlich über dem europäischen Grenzwert. Hauptverursacher der fortdauernden Überschreitungen in Innenstädten ist nachweislich der Straßenverkehr.

Die Diesel-Pkw fallen hierbei besonders ins Gewicht, natürlich umso mehr mit manipulierten bzw. nur eingeschränkt funktionierenden Stickoxidminderungssystemen mit Abschalteinrichtungen. „Die Belastung mit Stickstoffdioxid ist das Problem Nummer eins in der Luftreinhaltung – nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Stickstoffdioxid in der Luft gefährdet die Gesundheit der Menschen“, sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Die Europäische Kommission hat gegen Deutschland ein EU-Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat zudem Luftreinhaltepläne in ganz Deutschland beklagt – in NRW für die Städte Aachen, Bonn, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen und Köln. „Wir stehen unter erheblichem Handlungsdruck. Daher haben wir am 7. April die Sonder-Umweltministerkonferenz zum Thema ,Automobile Abgasemissionen minimieren, Luftreinhaltepolitik konsequent weiterentwickeln, Verantwortung für den Gesundheitsschutz ernst nehmen‘ abgehalten“, sagte Minister Remmel. „Unsere Forderung ist, dass alle von Abschalteinrichtungen betroffenen Fahrzeuge umgehend in Einklang mit den geltenden Vorschriften gebracht werden. Außerdem brauchen wir schnellstmöglich emissionsarme und emissionsfreie Antriebe.“ Die Umweltministerinnen und -minister setzen auf die Förderung der Elektromobilität. „Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 emissionsfrei mobil zu sein“, sagte Minister Remmel. Besonders emissionsarme Fahrzeuge sollen nach Vorschlag der Umweltministerinnen- und minister mit einer neuen Plakette gekennzeichnet werden.

Die Feinstaubgrenzwerte wurden im zweiten Jahr in Folge seit Beginn der Feinstaubmessungen im Jahr 2000 landesweit eingehalten. „Mit der Luftreinhalteplanung setzen wir in Nordrhein-Westfalen auf nachhaltige Wirkung. Das müssen wir konsequent vorantreiben und die Schadstoffbelastung weiter reduzieren. Denn saubere Luft bedeutet Gesundheit und Lebensqualität“, sagte der Präsident des LANUV, Dr. Thomas Delschen. Das LANUV betreibt das Luftq‎ualitäts-Messnetz in NRW, dessen Ergebnisse regelmäßig ausgewertet und veröffentlicht werden.

Die wichtigsten Ergebnisse zur Luftqualität 2015 im Überblick:

Stickstoffdioxid (NO2) – an vielen Punkten weiterhin deutliche Überschreitungen, insgesamt geringfügiger Rückgang

Noch immer gibt es in den Ballungsräumen deutliche Überschreitungen des EU-Jahresmittel-Grenzwerts für Stickstoffdioxid. Nicht überschritten werden dürfen 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft (µg/m³) ermittelt über alle Werte im Jahr (Jahresmittelwert). Im Vergleich zum Vorjahr ist die Belastung im Jahr 2015 an den insgesamt 128 Messstellen nur geringfügig zurückgegangen. Die 56 Überschreitungen traten auch im Jahr 2015 ausnahmslos an stark verkehrsbelasteten Straßen auf. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurde der Grenzwert an 58 von 127 Messstellen überschritten. An den verkehrsbelasteten Stationen lagen die Messwerte im Jahr 2015 durchschnittlich bei 44 µg/m³ (Vorjahr: 46 µg/m³). An den städtischen Hintergrundmessstellen lag der Wert im Jahr 2015 bei durchschnittlich 23 µg/m³ und ist damit gegenüber dem Vorjahr (24 µg/m³) um 1 µg/m³ gesunken.

In den Städten Bönen, Halle, Hamm, Krefeld und Recklinghausen wurde im Jahr 2015 der NO₂-Grenzwert erstmals eingehalten. In Leverkusen wurde im Jahr 2015 an der neu eingerichteten Messstation Gustav-Heinemann-Straße ebenfalls eine NO₂-Grenzwertüberschreitung gemessen.

Im langjährigen Trend ist nur ein langsamer NO₂-Rückgang zu verzeichnen. Die höchsten Belastungen traten im Jahr 2015 in Düren an der Euskirchener Straße (61 µg/m³, Vorjahr 64 µg/m³), an der Corneliusstraße in Düsseldorf (59 µg/m³, Vorjahr 60 µg/m³) und in Düsseldorf Bilk (56 µg/m³, Vorjahr 60 µg/m³) auf. Am Clevischen Ring in Köln war, wie bereits im Jahr 2014, ein weiterer Konzentrationsanstieg zu verzeichnen. Die seit Juni 2014 bestehende Sperrung der Leverkusener Rheinbrücke für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen führt noch immer zu einem vermehrten Verkehrsaufkommen auf dem Clevischen Ring. Hier betrug die NO₂-Belastung im Jahr 2015 66 µg/m³ (2014: 63 µg/m³).

Feinstaub (PM10, PM2,5) – EU-Grenzwerte landesweit eingehalten

PM10.

Die PM10-Belastung ist im Jahr 2015 landesweit weiter zurückgegangen. Neben dem EU-Grenzwert für das Jahresmittel (40 µg/m³) wurde im zweiten Jahr in Folge an allen 68 Messstellen in NRW der Tagesmittel-Grenzwert (50 µg/m³ bei 35 zulässigen Überschreitungen) eingehalten.

Die Spannweite der landesweiten PM10-Jahresmittelwerte reicht mit 11-12 µg/m³ an den beiden Waldstationen in Eifel und Rothaargebirge bis zu 29-30 µg/m³ an den am höchsten belasteten Verkehrsstationen in Gelsenkirchen und Köln sowie an Industriestandorten in Duisburg.

PM2,5. Je kleiner die Feinstaubpartikel sind, umso größer ist ihre gesundheitliche Relevanz, denn kleinere Partikel dringen tiefer in die Atemwege ein. Seit dem Jahr 2015 gilt für PM2,5 europaweit ein Jahresgrenzwert in Höhe von 25 µg/m³. Im Jahr 2015 wurde der PM2,5-Grenzwert an allen 26 NRW-Messstationen bei abnehmendem Belastungstrend sicher eingehalten.

Eine Entwarnung bezüglich der Feinstaub-Belastung der Luft kann dennoch nicht ausgesprochen werden. Ungünstige meteorologische Bedingungen können dem positiven Trend entgegen laufen. Weil bisher für Feinstaub kein Schwellenwert ermittelt wurde, unter dem keine gesundheitsschädlichen Wirkungen auftreten, ist jede Verringerung der Belastung mit Feinstaub mit einem Gesundheitsgewinn für die Bevölkerung verbunden. In diesem Zusammenhang ist die Forderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach einer weiteren Grenzwertabsenkung zu betrachten.

Schwefeldioxid, Staubinhaltsstoffe, Benzol und Ozon

Der EU-Grenzwert für Schwefeldioxid wird seit Jahren überall eingehalten, so auch im Jahr 2015.

Auch für Konzentrationen der gesundheitlich relevanten Staubinhaltsstoffe Blei, Arsen, Kadmium und Nickel sowie für Benzol in der Umgebungsluft wurden im Jahr 2015 keine Überschreitungen gemessen.

Im Jahr 2015 lag die Benzo[a]pyrenkonzentration an der Messstelle im Umfeld der Kokerei Bottrop im Stadtteil Welheim bei 2 ng/m³. Damit wurde der Zielwert von 1 ng/m³ überschritten. Die Bezirksregierung Münster als zuständige Überwachungsbehörde der Kokerei ermittelt derzeit die Ursache für die hohen Werte im November und Dezember 2015, auf die die Überschreitung des Zielwertes zurückzuführen ist.

Für Ozon wurden im Jahr 2015 in NRW erstmals seit dem Jahr 2010 wieder Überschreitungen des Alarmschwellenwertes registriert. Bedingt durch höhere Sonnenscheindauer und wärmere Temperaturen als in den Vorjahren wurde der Alarmschwellenwert von 240 µg/m³ in NRW an zwei Tagen (1-Stunden-Mittelwert an mindestens einer Station pro Tag) überschritten. An den insgesamt 27 Ozon-Messstationen wurde an 11 Tagen im Jahr 2015 der Informationsschwellenwert von 180 µg/m³ (1-Stunden-Mittelwert an mindestens einer Station pro Tag) überschritten. Im langjährigen Betrachtungszeitraum wird der Trend abnehmender Ozonbelastung damit unterbrochen. An Tagen mit hohen Ozonbelastungen informiert das LANUV zeitnah die Bevölkerung über die Messwerte und Empfehlungen zur Gesundheitsvorsorge.

Gesundheitliche Risiken durch Stickstoffdioxid und Feinstaub

Permanente und hohe Belastungen durch Stickstoffdioxid und Feinstaub haben deutliche gesundheitliche Folgen und erhöhen das Risiko für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bereits im Jahr 2012 hat das LANUV in einer Langzeitstudie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Belastungen durch Feinstaub/Stickstoff-dioxid, der Wohnortnähe zu einer vielbefahrenen Straße und der allgemeinen Sterblichkeit sowie der Todesursache durch Herz-Kreislauferkrankungen gezeigt.

Zur Vermeidung von gesundheitsschädlichen Auswirkungen durch Feinstaub legt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar noch einen weitaus strengeren Maßstab an als die EU. Die WHO empfiehlt zur Vermeidung von Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt einen PM 10 Jahresmittelwert von höchstens 20 µg/m³. In NRW entsprechen jedoch nur Gebiete abseits der Städte, von Industrieanlagen und
Verkehrsachsen diesen WHO-Luftgüterichtwerten. Der EU-Feinstaubgrenzwert beträgt 40 µg/m³ im Jahresmittel. Nach geltendem EU-Recht darf die mittlere Feinstaubkonzentration an maximal 35 Tagen höher als 50 µg/m³ betragen.

Die Landesregierung setzt auf ein Maßnahmenbündel, um die Luft in NRW weiter zu verbessern. Weil  das Verkehrsaufkommen nach wie vor hoch ist und selbst neue Diesel-Pkw real noch immer viele Stickstoffoxide ausstoßen, reichen die auf lokaler Ebene ergriffenen Maßnahmen allein nicht aus. Jetzt sind Pkw-Hersteller und die Behörden auf EU- und Bundesebene in der Pflicht, die Pkw mit den geltenden Vorschriften in Einklang zu bringen, die Zulassungsverfahren zu verbessern und eine wirksame Feldüberwachung einzuführen. Nachhaltige Verbesserungen der Luftqualität in Städten sind nur mit emissionsarmen bzw. -freien Antrieben, einem verbesserten ÖPNV und mehr Rad- und Fußverkehr zu erreichen. Eine umfassende Strategie zur Stickstoffoxidminderung, mit der auch die Industrieanlagen in den Blick genommen werden, soll sicherstellen, dass die weiträumige NO₂-Hintergrund-Belastung in Nordrhein-Westfalen abnimmt.

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