Ein Votum praktischer Vernunft

von Roland Appel

Roland Appel

Roland Appel

Hamburgs Bürgertum hat gegen den Olympia-Zirkus votiert und die Szene der Befürworter ist entsetzt. Sie weigerten sich heute noch um 22 Uhr, als die ablehnenden Stimmen eindeutig in Führung lagen, die Realität anzuerkennen. Verständlich, dass Teile der Politik, Bauunternehmer, Entertainment-Manager, Makler, die örtliche Finanzindustrie, Spekulanten und Architekten, Grundeigentümer, Lichtkünstler und andere auf hohem finanziellen Niveau jonglierende Freischaffende, die durch Olympia regelmäßig angelockt werden, wie die Fliegen zum Kadaver, nun den Blues haben. Hatten sie doch schon die Dollar- und Euro- Zeichen in den Augen, die seit den 90er Jahren anlässlich olympischer Spiele den Reichen vor Ort noch mehr Reichtum versprechen.

Sie sind in ihrer Prosecco-Welt der kreativen Projekte, die niemand wirklich braucht, aufgeschlagen auf dem Boden der Realität. Diese Realität ist die Entscheidung der Bürger, die es leid sind, dass Millionen oder gar Milliarden Steuergelder für Veranstaltungen ausgegeben werden, an denen internationale Konzerne wie Coca Cola, McDonalds, Starbucks, Adidas, Nike, und Co. im Vier-Jahres Zyklus dreistellige Millionenbeträge verdienen, die sie mit Hilfe von Steueroasen den Steuern der Sozialsysteme entziehen, bloß damit ein paar Krümelchen für die örtliche Oberschicht abfallen. Dass auch die privaten Medien und nicht zuletzt zahllose korrupte Sportfunktionäre mit Geldern hantieren, die in dubiosen Kanälen versickern, mag den Menschen angesichts des FIFA-Skandals noch einmal besonders vor Augen gestanden haben, das macht Hoffnung, dass Aufklärung heute noch hilft, solange sie im Kurzzeitgedächtnis der Smartphone-Generation noch präsent ist.

Fakt ist, dass die Hamburger gezeigt haben, dass sie weitaus realistischere Prioritäten setzen. Auch Hamburg hat schon lange soziale Probleme, auch Hamburg hat Straßen, die verfallen, während der Verkehr immer dichter wird, auch Hamburgs Schulen müssen renoviert und mit moderner Technik ausgestattet werden, brauchen zusätzliche Stellen für die Inklusion, auch Hamburg hat zu viele Armenküchen, die Universitäten könnten besser ausgestattet sein, auch Hamburg braucht dramatisch viel mehr Sozialwohnungen, muss in den kommenden Jahren viele Flüchtlinge aufnehmen, unterbringen und wird große Integrationsleistungen schultern müssen. Hamburg muss die Finanzlasten der aus dem Ruder gelaufener Projekte wie der Elbphilharmonie verkraften und sich vor allem den aktuellen Problemen stellen.

Bezahlbaren Wohnraum ohne Ghettoisierung schaffen, Flüchtlingsintegration schaffen sowie die Unsicherheit eines drohenden asymmetrischen Krieges mit Islamisten, der auch Anschläge bei uns nicht ausschließt, aushalten und damit solidarisch leben – das sind die realen Probleme, die wir haben, die auf uns zukommen und die Bürger in Hamburg wissen das wohl. Sie haben verantwortungsvoll votiert, wie einer ihrer Großen.

Bei drohenden Sturmfluten oder Terrorismus ist Vernunft angesagt und deshalb sehen die kühlen Hanseaten da keinen Platz für oberflächlichen, zum internationalen Sport- Entertainment- und Konsumterror pervertierten Olympia Schicki-Micki Zirkus.

Mit dem ganzen Realismus von 400 Jahren Hamburger Kaufmannschaft. Helmut Schmidt wäre stolz darauf!

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